Vom Lizenzraj zum IT-Giganten

Wer verstehen möchte, warum Indien heute der drittgrößte Technologiestandort der Welt ist, muss 1991 kennen. Vorher war Indien etwas anderes: eine abgeschottete, schwerfällige Planwirtschaft — und das über vier Jahrzehnte.


Der Lizenzraj: Indien sperrt sich ein

Nach der Unabhängigkeit 1947 wählte Indien unter Jawaharlal Nehru das Modell der staatlich gelenkten Wirtschaft. Das Ergebnis war der sogenannte Lizenzraj — ein Bürokratiesystem, das nahezu jeden wirtschaftlichen Vorgang an staatliche Genehmigungen knüpfte.

Wer eine Fabrik bauen, ein Produkt importieren oder ein Unternehmen gründen wollte, brauchte Dutzende Genehmigungen. Die Wartezeit für einen Telefonanschluss betrug in einigen Bundesstaaten mehrere Jahre. Ausländische Investitionen waren weitgehend verboten. IBM und Coca-Cola verließen Indien in den 1970er-Jahren, weil sie lokale Mehrheitsbeteiligungen ablehnen wollten.

Das Ergebnis: Indiens Wirtschaft wuchs zwischen 1950 und 1980 im Schnitt um rund 3,5 Prozent jährlich — kaum mehr als das Bevölkerungswachstum. Ökonomen nennen das bitter die "Hindu rate of growth".


1991: Die erzwungene Öffnung

Im Sommer 1991 befand sich Indien am Rand der Zahlungsunfähigkeit. Die Devisenreserven reichten für wenige Wochen. Die Regierung lieh sich heimlich Gold und flog es nach London, um Kredite zu sichern.

Finanzminister Manmohan Singh nutzte die Krise als Hebel für Reformen. Innerhalb von wenigen Monaten fielen Importschranken, Lizenzpflichten wurden abgebaut, ausländische Investitionen zugelassen. Das war keine schrittweise Reform — es war ein Systembruch.

Die Wirtschaft reagierte schnell. Das Wachstum stieg. Und ein Sektor profitierte überproportional: Software.


Y2K: Der Zufallskatalysator

Ende der 1990er-Jahre hatte die Welt ein Problem. Computer weltweit speicherten Jahreszahlen nur zweistellig. Der Jahrtausendwechsel drohte, globale IT-Systeme zum Absturz zu bringen. Millionen Codezeilen mussten überprüft und korrigiert werden — schnell, günstig, in Englisch.

Indische Softwareunternehmen lieferten. Tata Consultancy Services, Infosys und Wipro bauten in dieser Zeit Kapazitäten auf, die sie danach nicht mehr abbauten. Das Y2K-Programm war für Indiens IT-Industrie das, was der Marshallplan für Europa war: ein Beschleuniger.


Von der Werkbank zur Innovationsplattform

Die 2000er-Jahre brachten Call-Center und Business Process Outsourcing. Die 2010er-Jahre: Produktunternehmen, Startups, eigene Plattformen. In den 2020er-Jahren entwickelt Indien eigene KI-Modelle und Large Language Models für indische Sprachen.

Der indische IT-Sektor erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2024 rund 254 Milliarden US-Dollar Umsatz. Er beschäftigt direkt über fünf Millionen Menschen. Das ist keine verlängerte Werkbank mehr — das ist ein eigenständiges Tech-Ökosystem.

Für DACH-Unternehmen bedeutet das: Wer heute mit indischen Teams zusammenarbeitet, arbeitet nicht mehr nur mit günstigen Ressourcen. Er arbeitet mit Ingenieuren, die in einem der innovativsten Tech-Ökosysteme der Welt sozialisiert wurden.


Jahr Ereignis Wirtschaftliche Bedeutung
1947 Unabhängigkeit Beginn des Lizenzraj
1984 Rajiv Gandhi: Computerisierung Erste IT-Impulse
1991 Wirtschaftsliberalisierung Öffnung für Auslandsinvestitionen
1999/2000 Y2K-Programm Globaler Reputationsaufbau für indische IT
2006 Infosys NYSE-Listing Indische IT als globaler Player sichtbar
2024 IT-Sektor: 254 Mrd. USD Fünftgrößte Volkswirtschaft

*Quellen: Ministry of Finance India, NASSCOM, Reserve Bank of India — Stand 2024*

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Jörg Strothmann

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