22 offizielle Sprachen

Indien hat keine Amtssprache im europäischen Sinn. Es hat 22 davon.

Die achte Anlage der indischen Verfassung listet 22 Sprachen, die offiziellen Status genießen. Dazu kommen laut Volkszählung 2011 weitere 99 Sprachen mit mehr als 10.000 Sprechern. In der Summe sind in Indien rund 121 Sprachen lebendig.


Hindi ist keine Nationalsprache

Das ist einer der hartnäckigsten Irrtümer. Hindi wird von rund 44 Prozent der Bevölkerung als Muttersprache gesprochen — überwiegend in Nordindien. In Tamil Nadu, Karnataka, West Bengal oder Kerala versteht ein erheblicher Teil der Bevölkerung kein Hindi. Der Versuch der Zentralregierung, Hindi als allgemeine Amtssprache durchzusetzen, ist historisch gescheitert und politisch heikel bis heute.

Wer in Südindien auf Englisch kommuniziert, kommt deutlich weiter als mit Hindi. Ein Südinder, der in einem Gespräch auf Hindi angesprochen wird, obwohl er Englisch beherrscht, empfindet das mitunter als Übergriff.


Englisch als Lingua Franca

Englisch ist die eigentliche Gemeinsprache des indischen Geschäftslebens. Es ist co-offizielle Sprache der Zentralregierung, Verhandlungssprache vor dem Obersten Gericht und Unterrichtssprache an allen IITs, IIMs und den meisten privaten Hochschulen.

Im IT-Sektor ist Englisch die einzige Arbeitssprache. Projektdokumentation, E-Mails, Meetings — alles läuft auf Englisch. Das ist ein struktureller Vorteil für DACH-Unternehmen gegenüber einer Zusammenarbeit mit China oder Japan.

Einschränkung: Das Englisch ist oft schnell gesprochen, mit starkem regionalem Akzent. Rückfragen sind keine Unhöflichkeit, sondern Professionalität.


Die großen Regionalsprachen und ihre Bedeutung

Neben Hindi und Englisch prägen vier Sprachen das wirtschaftliche Leben besonders stark.

Bengali wird von rund 97 Millionen Menschen in West Bengal gesprochen und ist die Kultursprache von Kalkutta und Bangladesch. Telugu dominiert Andhra Pradesh und Telangana — damit auch den IT-Standort Hyderabad. Marathi ist die Sprache Mumbais und Maharashtras, einer der größten Wirtschaftsregionen des Landes. Tamil ist eine der ältesten lebenden Sprachen der Welt, mit einer mehr als 2.000 Jahre alten Schrifttradition, und prägt Chennai und Tamil Nadu.

Wer regelmäßig in einer Stadt arbeitet, tut gut daran, wenige Begrüßungsphrasen in der Regionalsprache zu lernen. Das öffnet Türen, die Englisch allein verschlossen lässt.


Praktische Konsequenzen für die Zusammenarbeit

Für die alltägliche Geschäftskommunikation gilt: Englisch reicht. Für den Aufbau von Vertrauen zählt regionales Bewusstsein.

Wer weiß, dass sein Team in Hyderabad mehrheitlich Telugu spricht, dass in Chennai Tamil die emotionale Heimatsprache ist und dass ein Kollege aus Mumbai Marathi als Muttersprache hat — der kommuniziert kulturell bewusster. Das muss sich nicht in Sprachkenntnissen niederschlagen, aber im Respekt vor sprachlicher Vielfalt.

Ein letzter Hinweis: Indische Englischsprecher nutzen bestimmte Formulierungen, die für DACH-Ohren ungewohnt klingen. "Prepone a meeting" (vorziehen, das Gegenteil von postpone), "do the needful" (das Notwendige tun) oder "out of station" (auf Reisen, nicht erreichbar) sind vollständig akzeptables Geschäftsenglisch in Indien.


Sprache Hauptregion Sprecher (ca.) Wirtschaftliche Relevanz
Hindi Nordindien 600 Mio. Zentralregierung, Konsummarkt
Englisch Gesamtindien ~ 125 Mio. (fließend) IT, Finanzen, Recht, Hochschule
Bengali West Bengal 97 Mio. Kalkutta, Industrie, Kultur
Telugu Andhra, Telangana 82 Mio. Hyderabad IT-Sektor
Marathi Maharashtra 83 Mio. Mumbai, Industrie
Tamil Tamil Nadu 67 Mio. Chennai, Automobil, IT

Quellen: Volkszählung Indien 2011, Ministry of Home Affairs — Stand 2024

Über den Autor

Jörg Strothmann Als CTO mit über 30 Jahren Berufserfahrung in der Hard- und Softwareentwicklung an verteilten Standorten (Europa und Indien) habe ich viele Erfahrungen gesammelt. Diese möchte ich gerne weitergeben.

Jörg Strothmann