Bildungsstolz und Engineering-Kultur

In Deutschland ist Ingenieur ein respektierter Beruf. In Indien ist er für Millionen Familien das Ziel schlechthin — unabhängig von Talent, Neigung oder Marktlage.

Das hat Konsequenzen: für den Arbeitsmarkt, für die Qualität der Kandidaten und für das Selbstverständnis indischer Kollegen in internationalen Teams.


Der Aufstieg durch Bildung

Indien hat keine ausgeprägte Erblichkeit von Wohlstand im westlichen Sinn. Der klassische Aufstiegsweg lautet: gute Schule, gutes Studium, gute Stelle. Für die Mittelschicht und aufstrebende Familien ist ein Ingenieurstudium die eintrittssichere Eintrittskarte.

Das erklärt, warum rund 1,4 Millionen Studierenden jährlich ein Ingenieurstudium abschließen — mehr als in jedem anderen Land der Welt. Es erklärt auch, warum Eltern erhebliche Summen in Nachhilfezentren investieren. Die Stadt Kota in Rajasthan ist berühmt für ihre Coaching-Industrie: Zehntausende Schüler ziehen dorthin, um sich auf die Aufnahmeprüfung der IITs vorzubereiten.


Die IITs: Elite mit Weltruf

Die Indian Institutes of Technology sind das Aushängeschild des indischen Bildungssystems. Aktuell gibt es 23 IITs; das erste wurde 1951 in Kharagpur gegründet. Die Aufnahmeprüfung JEE Advanced gilt als eine der härtesten der Welt: Rund 1,2 Millionen Kandidaten bewerben sich jährlich um etwa 17.000 Plätze.

IIT-Absolventen finden sich in den Führungsetagen globaler Unternehmen. Sundar Pichai (Google), Satya Nadella (Microsoft) und Indra Nooyi (PepsiCo) haben indische Technologieinstitute durchlaufen. Für Recruiting-Verantwortliche in DACH gilt: Ein IIT-Abschluss ist eine verlässliche Qualitätsaussage.


Die Lücke zwischen Quantität und Qualität

Das Problem liegt nicht an der Spitze, sondern in der Breite. Neben den IITs und den National Institutes of Technology (NITs) gibt es Tausende private Engineeringhochschulen, deren Abschlüsse sehr unterschiedliche Qualität haben.

Der India Skills Report 2024 beziffert den Anteil beschäftigungsfähiger Ingenieurabsolventen auf rund 52 Prozent. Personalverantwortliche, die regelmäßig in Indien rekrutieren, berichten, dass realistisch nur rund 20 Prozent der eingehenden Bewerbungen ernsthaft qualifizierte Kandidaten repräsentieren.

Das bedeutet: Wer in Indien rekrutiert, braucht eine robuste Vorauswahl. Lebenslauf allein ist kein verlässlicher Indikator.


Das Selbstverständnis im Arbeitsleben

Wer als Ingenieur aufgewachsen ist, in einer Gesellschaft, die Bildung mit sozialem Status gleichsetzt, bringt ein bestimmtes Selbstbild mit. Indische IT-Fachkräfte sind häufig ausgesprochen leistungsorientiert, ehrgeizig und sensibel für Anerkennung.

Das ist eine Stärke — sofern man sie nutzt. Klares Feedback zu Leistungen, sichtbare Karriereperspektiven und die Möglichkeit, an herausfordernden Projekten zu arbeiten, binden gut ausgebildete indische Kollegen effektiver als Gehaltserhöhungen allein.

Das Gegenteil gilt ebenso: Wer in einem Team eingesetzt wird, das unterhalb seiner Qualifikation arbeitet, kündigt — früh und lautlos.


Einrichtung Anzahl Jährliche Absolventen (ca.) Eintrittshürde
IITs 23 ~ 17.000 JEE Advanced: extrem hoch
NITs 31 ~ 50.000 JEE Main: hoch
IIITs 25 ~ 15.000 JEE Main / eigene Tests
Private Colleges ~ 3.500 ~ 1,4 Mio. Sehr unterschiedlich

Quellen: AICTE, NIRF Ranking 2024, India Skills Report 2024

Über den Autor

Jörg Strothmann Als CTO mit über 30 Jahren Berufserfahrung in der Hard- und Softwareentwicklung an verteilten Standorten (Europa und Indien) habe ich viele Erfahrungen gesammelt. Diese möchte ich gerne weitergeben.

Jörg Strothmann