Warum Indien anders tickt: Beziehungskultur vs. westliche Effizienz

Der deutsch-indische Handel erreichte 2024 einen Rekordwert von 33,4 Milliarden US-Dollar. Seit 2016 hat sich das bilaterale Handelsvolumen fast verdoppelt. Deutsche Exporte nach Indien stiegen allein 2024 um 2,6 Prozent auf 18,3 Milliarden US-Dollar – ein neuer Höchststand.

Doch während die Zahlen beeindruckend sind, scheitern viele Projekte nicht an der Technik, sondern an kulturellen Missverständnissen.

Die zentrale Herausforderung: Indien ist eine beziehungsintensive Kultur

Was bedeutet das konkret für deutsche Unternehmen?

In Deutschland gilt: Zeit ist Geld, Effizienz ist König. Wir erwarten klare Ansagen, direkte Kommunikation und schnelle Entscheidungen. Bei indischen Partnern funktioniert das anders.

Beziehung kommt vor Business

Ein persönliches Treffen ist in Indien nicht optional – es ist Pflicht. E-Mails und Videokonferenzen reichen nicht aus, um Vertrauen aufzubauen. Deutsche Manager, die meinen, sie könnten ein Offshore-Projekt von München aus steuern, erleben oft eine böse Überraschung.

Indien funktioniert nach dem Prinzip: Erst die Beziehung, dann das Geschäft. Das bedeutet:

Sie müssen nach Indien reisen, um potenzielle Partner persönlich kennenzulernen. Sie müssen Zeit investieren in Business Lunches, bei denen es eben nicht nur um Business geht. Familie, Sport, Kultur – all das gehört zum Beziehungsaufbau dazu.

Sie müssen regelmäßig präsent sein, nicht nur einmal zur Vertragsunterzeichnung.

Kommunikation: Indirekt statt direkt

Deutsche schätzen klare Ansagen. Inder pflegen einen indirekten Kommunikationsstil, um niemanden in Verlegenheit zu bringen oder Gesicht zu verlieren.

Wenn ein indischer Entwickler sagt "kein Problem", kann das bedeuten: "Ich habe es verstanden" oder auch "Das wird schwierig, aber ich traue mich nicht, Nein zu sagen".

Aus DevRiseUp-Sicht ist das eine der größten Stolperfallen: Deutsche Projektleiter interpretieren "kein Problem" als Zusage, während ihr indisches Team längst Schwierigkeiten sieht, diese aber nicht offen anspricht.

Zeit wird flexibler interpretiert

Pünktlichkeit ist in Deutschland heilig. In Indien wird Zeit zyklisch verstanden – Verzögerungen gehören dazu, Deadlines sind verhandelbar.

Das bedeutet nicht, dass Inder unprofessionell arbeiten. Es bedeutet, dass sie Zeitdruck anders bewerten und dass ein aggressiver deutscher Terminplan auf Widerstand stößt.

Indische Verhandlungspartner nutzen deutschen Zeitdruck bewusst als Druckmittel. Wer hektisch nach Indien reist, um in drei Tagen einen Deal abzuschließen, zahlt mehr oder macht Zugeständnisse.

Hierarchien sind ausgeprägter

In deutschen Unternehmen sind Hierarchien flacher geworden. Mitarbeiter haben Entscheidungsspielraum, sprechen Vorgesetzte direkt an.

In Indien herrschen klare, fein differenzierte Hierarchien. Entscheidungen werden von oben getroffen. Ein indischer Entwickler wird selten widersprechen oder eigenständig Probleme lösen, wenn das außerhalb seiner Befugnisse liegt.

Das kann für deutsche Teams frustrierend sein: Warum meldet sich niemand, wenn etwas schiefläuft? Warum warten alle auf Anweisungen?

Die Lösung: Kulturelles Verständnis als Erfolgsfaktor

59 Prozent der in den USA und Europa tätigen Unternehmen nutzen bereits IT-Outsourcing in Indien, weitere 22 Prozent erwägen es. Die Nachfrage wächst, weil Indien wirtschaftlich mit 6,5 Prozent Wachstum im Finanzjahr 2024/2025 boomt und über 1,5 Millionen Ingenieure jährlich hervorbringt.

Aber Erfolg hat nur, wer die kulturellen Spielregeln versteht.

Das bedeutet in der Praxis:

Regelmäßige persönliche Besuche einplanen, nicht nur zu Projektstart. Relationship Management ernst nehmen – Geburtstagskarten, Grüße zu Diwali, regelmäßiger persönlicher Austausch. Auf indirekte Kommunikation achten und gezielt nachfragen, statt Antworten für bare Münze zu nehmen. Klare Hierarchien respektieren und sicherstellen, dass die richtigen Ebenen miteinander kommunizieren. Geduld mitbringen bei Zeitplanung und Verhandlungen.

Indien bietet enorme Chancen – aber nicht zum Nulltarif

Der IT-Outsourcing-Markt wird bis 2025 voraussichtlich 55 Prozent des globalen Volumens dominieren. Indien ist und bleibt die Nummer eins für Offshore-Entwicklung.

Doch wer meint, er könne kulturelle Unterschiede ignorieren, wird scheitern. Die Kommunikationskosten fressen die Einsparungen auf, Projekte verzögern sich, Qualität leidet.

Aus DevRiseUp-Sicht ist kulturelle Kompetenz kein Nice-to-have, sondern die Basis für erfolgreiche Zusammenarbeit. Wer sie mitbringt – oder einen Partner hat, der sie mitbringt – profitiert von einem der dynamischsten Tech-Märkte der Welt.


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Quellen

Über den Autor

Jörg Strothmann Als CTO mit über 30 Jahren Berufserfahrung in der Hard- und Softwareentwicklung an verteilten Standorten (Europa und Indien) habe ich viele Erfahrungen gesammelt. Diese möchte ich gerne weitergeben.

Jörg Strothmann